Wanzen: Zu Unrecht in Verruf geraten?

Wanzen sind mit rund 40.000 Arten weltweit verbreitet.1 Sie kommen nahezu in jedem Lebensraum vor und sind sehr unterschiedlich in ihrem Aussehen sowie ihrer Lebensweise. Dem Menschen schaden können allerdings nur wenige Wanzen, beispielsweise Raubwanzen, indem sie ihn stechen und anschließend Blut saugen. Die meisten anderen Wanzen sind weitestgehend ungefährlich, fressen sogar Schädlinge und haben teilweise recht lustige Namen wie Nesselwicht, Helle Krummnase oder schwieliger Dickwanst. Wanzen sind also völlig zu Unrecht in Verruf geraten. Welche Wanzenarten gibt es, wie sehen sie aus und wo sind sie zu finden? Hier bekommen Sie die Antworten.

Vom Ei über die Larve zur adulten Wanze: Die Entwicklung

Wanze auf einem Blatt - welche Arten gibt es?

Obwohl es so viele verschiedene Wanzenarten gibt, unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer Entwicklung kaum. Nach der Eiablage einer ausgewachsenen Wanze folgt die Entwicklung des Eis zur Larve. Dann häuten sie sich bis zu fünfmal, ehe die Nymphe (junge Wanze) zur adulten (ausgewachsenen) Wanze herangereift ist.2 Die Weibchen schützen ihren Nachwuchs bis zum zweiten Nymphenstadium mit vollem Körpereinsatz. Vor jeder Häutung ist ein Saugakt nötig (am Menschen, an Tieren oder an Pflanzen), um das nächste Stadium zu erreichen. Die Wanze muss sich also ernähren, damit sie wächst. Allerdings ist sie sehr robust und überlebt auch ohne Nahrung bis zu mehreren Wochen.3

Die ausgewachsene Wanze hat sechs Beine, ihr Körper besteht aus Kopf, Brust und Hinterleib. Ihr Kopf ist durch einen Saugrüssel gekennzeichnet, der mit Mundwerkzeugen zum Stechen und Saugen ausgestattet ist. Grundsätzlich sind alle Wanzen auch mit zwei Paar Flügeln ausgestattet, jedoch sind diese bei einigen Arten im Laufe der Entwicklung verhärtet oder fehlen gänzlich. Dennoch können die meisten unter ihnen hervorragend fliegen.

Hier leben Wanzen

„Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt ‘ne kleine Wanze…“ Oder auch auf Bäumen, Büschen und Gräsern, auf der Wasseroberfläche sowie in Betten — Wanzen haben viele unterschiedliche Lebensräume. Allen gemeinsam (bis auf diejenigen, die im Wasser leben) ist aber, dass sie es am liebsten trocken und warm mögen. Diese Gegebenheiten sind optimal für die Fortpflanzung.

In besonders heißen und trockenen Sommern können sich Wanzen sehr schnell vermehren. Die Weibchen pflanzen sich in heißen Sommern teilweise mehrfach fort, was die Wanzenpopulation sogar verdoppeln kann. Bemerkbar macht sich eine solche „Plage“ meist erst im Herbst, wenn die kleinen Insekten ein heimeliges, warmes Winterquartier suchen, weil es ihnen draußen zu kalt wird. Sie krabbeln oder fliegen dann auch in Wohnungen, was beim Menschen auf wenig Begeisterung stößt.

Wissenswertes zu Wanzen

Die Weibchen der Wanzen legen täglich etwa zwei bis drei Eier (im Lauf des Lebens insgesamt 200 bis 400), die bis zu einem Millimeter groß sind. Die Larven der Wanzen wachsen kontinuierlich über fünf Häutungen zum ausgewachsenen Tier heran. Die Entwicklung dauert rund 30 bis 35 Tage. Eine adulte (erwachsene) Wanze kann bis zu einem Jahr alt werden. Wanzen sind nur nachtaktiv, tagsüber halten sie sich in Verstecken auf. Die versteckte Lebensweise der Wanzen hat zu dem sprichwörtlichen Namen „Wanzen“ für elektronische Abhörgeräte geführt.4

Keine wie die andere: Beeindruckende Artenvielfalt bei Wanzen

Auch hinsichtlich ihres Aussehens wird die hohe Artenvielfalt bei Wanzen deutlich. Es gibt sie in den verschiedensten Farben und Formen.

Hier ein paar besonders farbenfrohe Beispiele:

  • Buntrock (ähnelt einem grün, rot, blau gemustertem Rock)
  • Schwarzgelber Herr (grün, gelb, rot und schwarze Musterungen; sogar die Beinchen sind zweifarbig)
  • Geringelter Nimrod (unverwechselbares Ringelmuster der Oberseite)
  • Rotfleckige Schmuckwanze (deutlich hervortretende Flecken auf hellem Grund)
  • Prachtwanze (gelbe Flügeladern, schwarzgelber Halsschild)
  • Kugelwanze (eiförmig und kompakt)
  • Streifenwanze (rotschwarze Streifen am ganzen Körper)

Eine Besonderheit bei den meisten Wanzen sind ihre Stinkdrüsen, die sich an den Hinterbeinen befinden. Diese sondern ein Sekret ab, das je nach Wanze unterschiedlich riecht. Manchmal wird der Geruch als unangenehm süßlich empfunden. Aber auch Düfte, die an Marzipan (Grüne Gartenwanze) oder Zimt (Zimtwanze) erinnern, werden in Gefahrensituationen oder zur Verständigung der kleinen Krabbeltierchen untereinander versprüht.

Die Grüne Stinkwanze (Gemeiner Grünling)

Sie ist neben der gemeinen Bettwanze einer der Gründe, warum Menschen Wanzen gegenüber häufig Ekel und Abneigung verspüren. Die grüne Stinkwanze ist in Deutschland sehr weit verbreitet und kommt häufig vor. Am wohlsten fühlt sie sich auf Linden und Erlen. Die 12-13,5 Millimeter langen Insekten sind durch eine hellgrüne Grundfarbe mit feinen dunklen Punktierungen gekennzeichnet.5 Aufgrund von Temperaturveränderungen ändern sie jedoch im Herbst ihre Farbe in rotbräunlich, um besser getarnt zu. Die grüne Stinkwanze ernährt sich anders als die Bettwanzen nicht von menschlichem Blut, sondern von Pflanzensäften, allerdings verbreiten sie einen übelriechenden Geruch.6 Das ist wohl der Hauptgrund, warum Wanzen beim Menschen so unbeliebt sind.

Wanzen in der Medizin

Feuerwanzen, umgangssprachlich auch Feuerkäfer genannt, halfen schon im Jahr 1891 zu Forschungszwecken.7 Der Zoologe Hermann Henking hat bei männlichen Feuerwanzen das X-Chromosom nachgewiesen. Bis dahin ging man davon aus, dass das Geschlecht bei Tieren und Menschen abhängig von äußeren Einflüssen wie beispielsweise der Temperatur ist.

Auch in der Behandlung von Krankheiten gewinnen Wanzen zunehmend an Bedeutung. Die Tierchen haben keine Antikörper, wie der Mensch sie hat, sondern sogenannte Peptide. Das sind chemische Stoffe, die effektiv antibakteriell wirken. Daraus sollen Wirkstoffe entwickelt werden, die auch resistente Bakterien abtöten. Da die Antibiotikaresistenzen zunehmen, könnte dies ein wichtiger Schritt für die Medizin sein.

1Bund Naturschutz München: Wanzen in München. URL: https://bn-muenchen.de/wp-content/uploads/2017/08/Wanzen-in-M%C3%BCnchen.pdf (19.10.2018).
2Ebd.
3Ebd.
4Mehlhorn, Birgit u.a.: Schach! Den Blutsaugern & Schädlingen. Düsseldorf: düsseldorf university press 2012. S. 106.
5Darai G. et al. (2012): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen (4. Aufl.) Heidelberg: Springer Verlag, S. 476.
6Ebd.
7Biologiezentrum Linz/Austria: Ernstes und Kurioses über Wanzen – ein heteropterologisches Panoptikum. URL: https://www.zobodat.at/pdf/DENISIA_0019_0095-0136.pdf (23.10.2018).